
Musica
Das Programm des Nachtklangs im Kunstmuseum – zum ersten Mal als Matinée – schlägt einen Bogen von Bach über die klassische Moderne bis in die Gegenwart.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte in allen Lebensbereichen eine spürbare Aufbruchstimmung: Gesellschaftliche und politische Umwälzungen waren im Gange, und in der bildenden Kunst wie in der Musik brachen altes Formempfinden und überlieferte Hörgewohnheiten gleichzeitig auf. Chagall liess in seinen schwebenden, traumbildhaften Kompositionen Dorf und Himmel, Liebe und Musik ineinanderfliessen; Kandinsky löste sich vom gegenständlichen Bild und suchte die reine Wirkung der Farbe. Es ist der gleiche Geist des Neubeginns, der auch die Musik ergriff – und ihm entspricht in besonderer Weise das Werk Mládí (Jugend) von Leoš Janáček.
«Jugend, goldene Jugend» (Mládí, zlaté Mládí) – so jubelt die Oboe zu Beginn von Janáčeks Bläsersextett Mládí. Das Werk ist rein instrumental, doch Janáček denkt hier, wie so oft, vom gesprochenen Wort her: die Sprechmelodie des Ausrufs wird in eine instrumentale Linie übertragen, als Erinnerung an seine eigene Jugend. Dabei kommen nicht nur goldene, sondern durchaus auch gemischte Gefühle zum Vorschein.
Benjamin Britten hat wahrscheinlich Janáčeks Bläsersextett Mládí gehört und sich davon inspirieren lassen, als er mit nur 16 Jahren den einzigen Satz seines Bläsersextetts komponierte. Er setzt darin atonale Elemente ein, bewegt sich aber noch innerhalb der tonalen Klangwelt, die er erst später verlassen wird.
Wie Chagall und Kandinsky in der Malerei die Wirklichkeit neu zusammensetzen, löst Claude Debussy in der Musik die festgefügten Formen auf: Atmosphäre und der flüchtige Augenblick werden wichtiger als entwickelte Themen. In diesem Sinn steht auch Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune in der Bearbeitung für sechs Bläser für einen Wendepunkt in der Entwicklung zur modernen Musik.
Johann Sebastian Bachs sechsstimmiges Ricercar ist eine monumentale Fuge, die als Höhepunkt seines Spätwerks gilt. Sechs Stimmen führen das königliche Thema nacheinander ein und durchlaufen den Tonartenplan. Anfang des 20. Jahrhunderts war man der Meinung, Bachs Spätwerk sei nicht für ein bestimmtes Instrument komponiert worden. Daher entstanden viele Orchestrierungen – bis heute: wir spielen die Bearbeitung von Matthias Arter, Solo-Oboist des Kammerorchester Basel. Dadurch rückt Bachs kontrapunktische Grösse in die Nähe jener Aufbruchsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Mit Violeta Dinescu (*1953) reicht das Programm bis in die unmittelbare Gegenwart. Ihre Komposition Alternanzen für Bläserquintett, knüpft an dieselbe Besetzung an, die auch bei Janáček und Britten im Zentrum steht. Die Alternanzen verbinden die Bläsertradition der klassischen Moderne mit einer zeitgenössischen, von osteuropäischer Klangsprache geprägten Tonschrift.
Programm
Musik von J. S. Bach, L. Janáček, B. Britten, V. Dinescu und C. Debussy
Mit Musiker:innen des Kammerorchester Basel
Isabelle Schnöller (Flöte)
Matthias Arter (Oboe)
Etele Dosa (Klarinette)
Markus Niederhauser (Klarinette)
Matthias Bühlmann (Fagott)
Konstantin Timokhine (Horn)
Nachtklang im Museum – die Konzertreihe
Der Nachtklang, die etwa einstündige entspannte Konzertreise in unterschiedliche musikalische Gefilde, ist in der Saison 2026/27 in vier Basler Museen zu Gast. Die Musiker:innen des Kammerorchester Basel setzen sich musikalisch mit den Ausstellungen, die sie umgeben, auseinander. Dem Publikum bietet sich die Gelegenheit, vor dem Konzert die jeweiligen Ausstellungen zu besuchen und im Anschluss die Musik zu geniessen.
Einlass ins Museum Eine Stunde vor Konzertbeginn Dauer der Konzerte 60 – 70 Minuten, ohne Pause Ticketpreis Konzert inkl. Museumseintritt: CHF 40.- Alle Konzerte der Reihe «Nachtklang im Museum» sind auch als Nachtklang-Pass zum Vorteilspreis erhältlich.