
Musik
STARKGROUP - Glades Releasetour
Goldener Dachs · Weinfelden

Konzert
TWO DOGS People Do Strange Things
Es wird behauptet, Gitarren-Multitasker Beat Keller und Extrem-Turntabelist Joke Lanz wären zwei Schweizer mit einem Koffer in Berlin. Doch das ist nur eine geschickte Tarnung. In Wirklichkeit sind sie zwei Außerirdische, die sich hin und wieder einen Abstecher auf den Planeten Erde gönnen. Der Titel ihres zweiten gemeinsamen Albums „People Do Strange Things“ hätte ihre Tarnung beinahe auffliegen lassen, denn mit dieser plakativen Außenbetrachtung hätten sie um ein Haar verraten, dass sie keine Menschen sind. Doch auch ihre Musik ist Ausdruck eines konsequenten musikalischen Casparhauserismus. Da mischen sich zwei Intergalakten, die noch nie mit Erd-Musik in Berührung gekommen sind, unter die kunst- und kulturbeflissene Menschheit, lauschen dieser die Maximen ihrer Klangkunst ab und versuchen nun ihrerseits von allen Vorurteilen, Kategorien und Hierarchien befreit alles, was ihnen unter die Ohren gekommen ist, in einen Topf zu werfen.
Das Ergebnis führt nun auf einen Schlag all jenes ad absurdum, was wir bislang über Musik zu wissen glaubten. Was Normalsterbliche vorschnell als wahnwitzige Mischung aus MadHop, Hyper-Chanson, Death Jazz, Euromericana, Cyber-Blues, Fluxus-Kitsch, Schlaga-Dada, Sampling-Terrorismus und Trivial-Avantgarde bezeichnen würden, nennen sie einfach Musik, denn sie wissen es ja nicht besser. Wie auch? Auf ihrer Reise durch den Outer Space begegneten sie dem Erdflüchtling Jim Morrison, der sie einlud, sein Gedicht „Bird Of Prey“ kurzerhand in ihren Song „Harry Kane“ zu verwurmlochen. Sie plündern bei Hildegard Knef, Tom Waits oder Lydia Lunch und sind aus Versehen auf diversen Social Media ausgerutscht, deren verquaste Logik sie ebenso ungefiltert wie rücksichtslos in ihren Songs digestieren. Kurz vor ihrer Bruchlandung auf dem blauen Planeten haben sie sich schnell noch ein paar Romane von James Joyce reingezogen, dessen absurde Bewusstseinsströme sie durch einen intergalaktischen Sprach-Schredder jagten. Herausgekommen ist eine Halde von inhaltsleerem Informationsmüll, der das ganze kakophone BlaBlaBla unserer künstlich intellektualisierten Cyber-Society entmedialisiert.
Wie aber kamen sie auf den grotesken Bandnamen TWO DOGS? Insider und Mitreisende auf diesem irren galaktischen Roadtrip kennen die Antwort. Joke Lanz hat sich für seine irdischen Wege tatsächlich einen Hund zugelegt, Beat Keller hält es mehr mit Katzen. An irgendeiner Straßenkreuzung zwischen Winterthur und Berlin-Schöneberg beobachteten sie jedoch zwei Vierbeiner, einen Zwergpinscher und einen Irischen Wolfshund, die sich unverhofft gegenüberstanden und aus vollem Halse zu kläffen anhuben. Was mögen diese beiden seltsamen Kreaturen sich wohl zu sagen haben, überlegten sie für einen kurzen Moment und kamen zu der verblüffenden Erkenntnis, dass sie genau so ihre Musik gestalten wollten. Auf diese Weise setzen sie sich über jegliche Stringenz des menschlichen Musizierens hinweg und öffnen uns Erdlingen einen völlig neuen Zugang zu etwas, das wir bislang für im Universum einmalig hielten.
Im New Yorker No-Wave der späten siebziger, frühen achtziger Jahre nannte man ähnliche Ansätze um Arto Lindsay, James Chance oder Christian Marclay mangels Alternativen Fake Jazz, doch diese Erdlinge waren ja auch nur in ihren terrestrischen Limits gefangen. Ganz anders TWO DOGS. „People Do Strange Things“ ist nicht einfach nur ein Fake, es ist der Fake eines Fakes eines Fakes eines Fakes und immer so weiter, und damit die genialste und genuinste Schöpfung, die in zehntausend Jahren Musik je hervorgebracht wurde. Nicht mehr und ganz bestimmt nicht weniger.
Wolf Kampmann
Schulstrasse 1, 8570 Weinfelden, 8570 Weinfelden
Der Goldene Dachs in Weinfelden ist ein Kulturlokal und gesellschaftlicher Treffpunkt, der ein vielfältiges Programm mit Live-Musik, Literatur und Barbetrieb sowie ein Mittagsbuffet anbietet.